Second Hand-Shopping ♡ 5 kritische Denkanstöße zum Gebraucht-Kauf

Es dürfte kein Geheimnis mehr sein, dass ich eine große Liebhaberin gebrauchter Dinge bin und gerade in Sachen Mode inzwischen viel lieber second hand als neu einkaufe. Ich tue dies aus Überzeugung. Weil ich überzeugt davon bin, dass es richtig und wichtig ist. Weil ich überzeugt davon bin, dass auch kleine „Beiträge“ etwas zum großen Ganzen beitragen.

Aber – und damit kommen wir zum Thema dieses Beitrags – in letzter Zeit mache ich mir auch immer wieder kritische Gedanken zum Thema Second Hand-Shopping und bin unlängst zu dem Ergebnis gekommen: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

#1 Second Hand cool zu finden, ist ein Privileg

Über diesen Aspekt habe ich mir bereits in einem Instagram-Posting Gedanken gemacht, vielleicht hast du ihn ja gelesen. Da ich ihn aber wirklich wichtig finde, möchte ich ihn auch hier nochmal aufgreifen. Es geht um das Thema Privilegien.

Second Hand einzukaufen ist zunächst einmal nicht unbedingt ein Privileg. Dadurch als cool, umweltbewusst und individuell zu gelten jedoch schon.

Wenn ich gebrauchte Kleidung kaufe, dann mache ich mir keine Gedanken darüber, ob ich in den Augen mancher Leute vielleicht bemitleidenswert, arm oder gar asozial wirken könnte. Ich tue es mit gutem Gewissen und erhalte dafür in der Regel Anerkennung. Weil es ja so inspirierend, vorbildlich und einfach GUT ist.

Ganz anders verhält es sich jedoch bei Menschen, für die Second Hand keine Alternative, sondern die einzige Option darstellt. Ich spreche von Menschen, die sich neuwertige Kleidung kaum bis gar nicht leisten können und aus der Not heraus gebraucht kaufen

Sobald ein Mensch second hand kaufen MUSS (und nicht so wie ich KANN), gerät er in eine klassistisch diskriminierende Schiene, die – Hand aufs Herz – jeder von uns kennt. Ich schätze, es ist ausgeschlossen, dass die dreifach alleinerziehende Mutter voller Stolz ihren neuesten Resales-Fund auf Instagram zur Schau stellt. {Werbung ohne Auftrag} Viel zu groß ist vermutlich die Angst, auf Ablehnung, Spott und regelrechte Diffamierung zu stoßen.

Wenn dir Gedanken dieser Art völlig fremd sind, dann herzlichen Glückwunsch – du bist scheinbar genauso privilegiert wie ich. Das ist keinesfalls verwerflich. Nur solltest du dir deiner Privilegien bewusst sein und sie bestenfalls auch nutzen, um anderen (marginalisierten) Menschen damit zu helfen.

Outfit: Leoshirt von ReSales, Vintage-Faltenrock von Kleiderkreisel {Werbung ohne Auftrag}

#2 Second Hand-Shopping befeuert Fast Fashion-Shopping

Diesen Denkanstoß habe ich aus der Zeitschrift Brigitte Be Green {Werbung ohne Auftrag}, beziehungsweise einem ziemlich guten (und kritischen Artikel) über den Kauf von gebrauchter Kleidung von Anna Schunck, der darin abgedruckt ist.

Ich habe selbst noch nie darüber nachgedacht, finde den Einwand aber absolut logisch: Indem wir auf Flohmärkten und über die bekannten Plattformen munter die Kleidungsstücke anderer Leute abkaufen, finanzieren wir unter Umständen deren nächsten Fast Fashion-Kauf

Natürlich trifft diese Aussage längst nicht auf alle zu, die ihren Klamotten ein neues Zuhause bieten wollen. Doch ich habe mir gedacht: Gerade dann, wenn v. a. Fast Fashion-Labels und saisonale Trend-Teile feilgeboten werden, sollte ich wohl lieber nicht zugreifen.

Den Gedanke, dass mein Geld letztlich doch in die Unternehmen fließen könnte, die ich nicht länger unterstützen möchte, finde ich nämlich ziemlich besch…eiden. Darum achte ich in Zukunft noch mehr darauf, WAS ich kaufe und (vielleicht noch ein bisschen wichtiger) bei WEM ich kaufe.

#3 Second Hand legitimiert keinen überflüssigen Konsum

Mitte Januar, als wir alle noch dachten, 2020 wird DAS Jahr für Neuanfänge, große Pläne und Gartenpartys, entschied ich, mich im Verzicht zu üben. Meine ambitionierten Pläne: Nur dann etwas kaufen, wenn ich es WIRKLICH brauche. (Den dazugehörigen Blogbeitrag findest du hier.)

Ich schlage mich tatsächlich ganz wacker, stelle aber auch fest: Wenn ich die Möglichkeit habe, etwas gebraucht zu kaufen (sei es nun Kleidung, ein neuer Filofax oder so eine dusselige Handyhülle mit Umhängegurt dran – jaaahaaa, ich brauchte die!), dann tippe ich mein Paypal-Passwort schneller ins Smartphone, als mir lieb ist.

Ja, ich gestehe: Ich bin ein Opfer. Ein Opfer meines eigenen Konsums.

Natürlich ist es so viel besser, Dinge nicht neu, sondern second hand zu kaufen. Doch diese Maxime gilt streng genommen nur dann, wenn wir etwas auch tatsächlich brauchen. Kaufen wir aus Langeweile, aus einem Impuls heraus oder weil etwas gerade im Trend ist, dann ist das „preloved“-Label streng genommen gute Miene zum bösen Spiel. Eine Art privates Greenwashing, mit dem wir nicht irgendwelche Kund:innen, sondern uns selbst verarschen. 

Tut schon irgendwie weh, sich das vor Augen zu führen, oder?

#4 Second Hand-Mode exkludiert häufig mehrgewichtige Menschen

Dieser Punkt wird in meiner Instagram-Bubble immer wieder diskutiert: Kleidung gebraucht kaufen, um sich somit an der Rettung des Planeten zu beteiligen? Ja, gerne! Doch was tun, wenn es die Teile, die ich gut finde und gebrauchen könnte, nicht in meiner Größe gibt?

Es ist kein Geheimnis, dass es mehrgewichtige Menschen mit Konfektionsgrößen jenseits dessen, was als „Norm“ gilt, schwerer haben, Mode zu konsumieren. Erst kürzlich machte eine große Kette mit einem „&“ im Namen von sich reden, weil es das komplette Plus Size-Segment aus den Läden verbannte und nur noch online anbot. Doch um diese Baustelle soll es hier eigentlich gar nicht gehen.

Worauf es mir ankommt, ist der Fakt, dass Second Hand-Mode häufig mehrgewichtige Menschen exkludiert. Während es auf auf den gängigen Onlineplattformen häufig noch eine recht passable Auswahl in den Größen 46 aufwärts gibt, sieht das Sortiment in Ladengeschäften oft schon schlechter aus. Von den Plus Size-Angeboten in hippen Vintage-Boutiquen möchte ich lieber gar nicht erst anfangen. Es dürfte klar sein, dass diese gegen Null gehen und mehrgewichtige Menschen dadurch kategorisch ausgeschlossen werden.

#5 Second Hand-Fans benachteiligen Bedürftige

Als ich noch in Erfurt lebte, liebte ich es, hin und wieder ins Stöberhaus – ein „Gebrauchtwarenhaus“, das zu den Stadtwerken gehört {Werbung ohne Auftrag} – zu gehen und mich dort auf die Jagd nach Second Hand-Schätzen zu machen. Dass diese jedoch in erster Linie für Menschen mit geringem Einkommen bestimmt waren und ich ihnen diese regelrecht vor der Nase wegschnappte, war mir nicht bewusst.

Heute betrachte ich Sozialkaufhäuser mit anderen Augen. Dort, wo gebrauchte Artikel explizit für Bedürftige angeboten werden, kann ich es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, schamlos zuzuschlagen.

Klar: Second Hand ist für alle da. Doch da, wo ich Dinge kaufe, die ich gern haben möchte, die andere dringend brauchen, werde ich mich in Zukunft zurückhalten.

Die Krux des Gebraucht-Kaufs

Ich möchte nicht päpstlicher sein als der Papst. Nochmal: Ich liebe second hand-Shopping und werde auch in Zukunft darauf achten, immer erst gebrauchte Möglichkeiten zu recherchieren, ehe ich etwas neu kaufe.

Weil ich von dem Prinzip „zweite Hand“ und der damit einhergehenden Ressourcenschonung überzeugt bin. Weil ich es gut finde, gebrauchten Lieblingen ein neues Zuhause zu geben. Weil ich mich freue, wenn ich hier und da ein paar Euro sparen kann.

Aber ich werde eben auch versuchen, in Zukunft noch achtsamer und bewusster an das Thema heranzutreten. Werde mir immer und immer wieder meine Privilegien vor Augen führen. Genau hinschauen, wer mir was verkaufen möchte und zurücktreten, wenn ich in etwas einen tollen Schnapper sehe, eine andere Person hingegen genau den Alltagsgegenstand, den das Monatsbudget eben noch hergibt.

Dogmatismus liegt mir fern. Ich möchte mein eigenes Tun und das anderer Menschen immer wieder hinterfragen. Aber ich möchte hier niemanden belehren oder gar verurteilen. 

Am Ende entscheidest du ganz allein, was du konsumierst und wie du konsumierst.

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