Tausche alt gegen alt ♡ Das offene Bücherregal in der Schmelzerstraße

Das Buch, das ich zuletzt ausgelesen habe – „Der kleine Bruder“ von Sven Regener – habe ich im offenen Bücherregal in der Schmelzerstraße gefunden. Es war an einem warmen Spätsommerabend, als der Freund, das Baby und ich dort auf dem Weg zum Dönerladen dort vorbei kamen und ich die Lektüre mit dem langweiligen Cover aus einem Impuls heraus einsteckte.

Leider hatte ich kein „Tausch-Buch“ dabei, das ich im Gegenzug dort lassen konnte – aber die Regalböden, die unter der Last der anderen Bücher beinahe zusammenbrachen, flüsterten mir knarzend zu, dass das in Ordnung sei.

Gilt auch für Bücher: Altern in Würde

Ich mag die Idee solcher „Second Hand-Büchereien“ sehr – denn lasst uns mal ehrlich sein: Die meisten Bücher landen nach einmaligem Konsum im heimischen Bücherregal und fristen von da an ein eher langweiliges Dasein. Wenn sie Glück haben, werden sie irgendwann ein weiteres Mal gelesen. Und wenigen Auserwählten wird sogar die Ehre zuteil, an einen anderen Menschen verliehen zu werden. Doch das sind häufig Ausnahmen.

Natürlich verstehe ich es, wenn Menschen Bücher in Regalen drapieren als wären sie so etwas wie der heilige Gral. Auch ich habe ein paar Exemplare, die meiner Meinung nach in jeder Privat-Bibliothek zu finden sein sollten und welche, die einfach nur mir unheimlich wichtig sind. Dazwischen tummeln sich aber auch immer wieder Werke, die ich zwar gern gelesen, aber trotzdem seit Jahren nicht mehr in die Hand genommen habe (außer bei Umzügen – und wir alle wissen, wie fucking schwer die Bücher-Kartons sind…).

Um genau solchen Büchern ein „Altern in Würde“ zu ermöglichen, gibt es mittlerweile in nahezu jeder Stadt (und auch auf immer mehr Dörfern!) offene Bücherregal. Ich selbst bin beispielsweise zum ersten Mal auf der Magdeburger Allee in Erfurt auf eins aufmerksam geworden.

Das Prinzip der offenen Bücherregale

Sie alle funktionieren nach dem gleichen, denkbar einfachen Prinzip: Gib ein Buch ab, das du nicht mehr brauchst oder haben willst und nimm dir ein neues mit. Oder gib nur eins ab. Oder nimm nur eins mit. Wie du möchtest. Ist alles in Ordnung.

Das ist nicht nur ziemlich nett den Büchern gegenüber (immerhin haben sie nun die Chance, weitere Menschen zu inspirieren und ihre Phantasie anzuregen), sondern auch ganz schön nachhaltig (weil ressourcenschonend) und obendrauf auch noch eine Entspannung für den Geldbeutel (50 Euro in einer Buchhandlung ausgeben? Tzzzz, meine leichteste Übung!).

Offene Bücherregale sind keine Müllhalden!

Zugegeben: In den meisten offenen Bücherregalen sammelt sich im Laufe der Zeit auch ziemlich viel Mist an. Bücher, die *hust* aus gutem Grund *hust* abgegeben werden und leider kein neues Zuhause finden, abgegriffene Zeitschriften, kaputte Kleidung, allerhand sonstiger Unrat…

Manchmal finde ich es anstrengend, mich durch ein solches Sammelsurium der Hinterlassenschaften zu wühlen und manchmal beschleicht mich der (nicht von der Hand zu weisende) Gedanke, dass die Regale eher als Müllhalden bezeichnet werden sollten.

Doch dann kommt da ganz unerwartet dieser Moment, in dem ich plötzlich doch ein interessantes Buch in den Händen halte und eine mittelgroße Gruppe Endorphine eine Polonaise durch meinen Körper startet.

(#unnützeswissen  am Rande: Ich habe gerade „Polonaise“ gegoogelt, um die Rechtschreibung zu checken und dabei herausgefunden, dass dieser allseits beliebte Partyspaß, bei dem gleich die Löcher aus dem Käse fliegen, ein polnischer Nationaltanz ist. Bitte, gern geschehen!)

Immer wieder eine kleine Schatzsuche

Denn in offenen Bücherregalen zu stöbern hat immer auch ein bisschen was von Schatzsuche – und darauf steh‘ ich prinzipiell immer, ob nun auf dem Flohmarkt, in einem meiner Lieblingsläden in Eisenach oder eben im offenen Bücherregal.

Und so kam es, dass ich an diesem Sommerabend, an dem wir eigentlich nur etwas zu essen besorgen wollten, plötzlich „Der kleine Bruder“ entdeckt habe. Ich fand das Buch trotz des langweiligen Covers überraschend gut und habe es am Ende gern wieder zurück ins offene Bücherregal in der Schmelzerstraße gestellt. Damit es jemand anderes ließt und damit ich mir ein neues mit nach Hause nehmen konnte.

Nun liegt „Frauen“ von Marilyn French auf meinem Nachttisch – einmal mehr eine Lektüre, die ich wohl nie im Buchhandel gekauft hätte, die mich aber schon nach wenigen Seiten gefesselt hat. Ich bin schon jetzt gespannt, welchen Schatz das Bücherregal als nächstes für mich bereit hält.

Nicht nur Bücher sind erwünscht

Ach übrigens: Als ich letztens Bücher getauscht habe, habe ich eine kleine Bonbon-Dose in der Schmelzerstraße zurückgelassen. Das Regal ist nämlich nicht nur für Lektüre jeder Art bestimmt, sondern kann auch als eine Art große „Zu verschenken“-Kiste genutzt werden – vorausgesetzt, die Gegenstände sind nicht zu sperrig und ganz allgemein in einem Zustand, in dem sie auch tatsächlich noch von jemand anderem genutzt werden können.

Wie bei den Büchern gilt auch für alles andere: Dieser nette Ort im Eisenacher Zentrum ist keine Müllhalde, sondern eine kleine, feine Tauschbörse, die bitte gehegt und gepflegt werden möchte.

Immer schön daran denken, wenn ihr das nächste Mal dort vorbei kommt.