Vom Hass auf eine junge Schwedin und dem Weg des geringsten Widerstandes

In ein paar Wochen sind in Thüringen Landtagswahlen – und zum ersten Mal seit einigen Jahren mache ich mir im Rahmen einer politischen Entscheidung nicht am meisten Gedanken über rechte Tendenzen, sondern über die immer mehr polarisierenden Meinungen zum Thema Klimawandel.

Was mich so ängstigt, ist nicht nur der allgemein rauer werdende Ton in der Gesellschaft, sondern auch, dass ihn immer mehr Menschen in meinem Bekanntenkreis anschlagen. Erst neulich habe ich in meinem Heimatdorf einen SUV mit einem „Fuck you, Greta!“-Aufkleber entdeckt. Auf Facebook teilen teils frisch gebackene Familienväter haarsträubende Fakenews und machen sich über Fridays for Future lustig. Ja, sogar der bis dahin so unschuldige und unpolitische WhatsApp-Status ist inzwischen eine Spielwiese für Klimaschutz-Witzbolde geworden.

Fast schon faszinierend, aber auf jeden Fall extrem widerwärtig ist der Umstand, dass sich der Hass derer, die das Klima offenbar nicht schützenswert finden, immer mehr kanalisiert und die Aktivistin Greta Thunberg mit voller Wucht trifft. Er beginnt bei einem abwertenden Lächeln, geht über wüste Beschimpfungen in Form von Auto-Aufklebern und gipfelt in (digitalen) Mordandrohungen. Was die junge Frau dieser Tage alles erleben und erdulden muss, kann ich mir nicht mal im Ansatz vorstellen. Und ganz ehrlich: Ich will es auch nicht.

Öko-Bashing auf dem Vormarsch

Es ist außerdem nicht nur die Ignoranz derer, die den (menschgemachten) Klimawandel herunterspielen oder sogar leugnen, die mich so fassungslos zurücklässt. Es ist auch ihre Argumentationsweise und ihr aggressives Auftreten im Netz. Öko-Bashing ist auf dem Vormarsch und innerhalb weniger Wochen salonfähig geworden. Wurden vor ein paar Wochen noch die Kommenarspalten von Artikeln zur Flüchtlingspolitik mit Hasstiraden überschwemmt, sind es nun Beiträge über den Klimawandel, die die Trolle scheinbar magisch anziehen.

Doch Öko-Bashing hat noch viele weitere Gesichter – und eines ist hässlicher als das andere.

Auf Instagram gibt es zum Beispiel den Account „Fridays for Hubraum“ (danke, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast, Anja). Hier liest der gewillte User Kommentare wie „Ich Piss [sic!] auf die Umwelt, lieber straight Pipe V8“ oder „Warum man fff nicht unterstützt?! Weils Kinder sind, die sollen zur Schule gehen sollen [sic!] und es totaler Unsinn ist die Diesel Autos [sic!] abzuschaffen“ Außerdem werden so spannende Lösungsansätze formuliert wie: „[…] Deshalb müssen wir einen neuen Planeten finden , und nicht die grosse [sic!] Greta anbeten.“

Danke für diesen geistreichen Beitrag, aki.erd0gan22! Ich stelle mir diese Idee mal im übertragenen Sinne vor: Ein Kind schrottet ein ziemlich teures Spielzeug. Doch anstatt es gemeinsam mit dem Nachwuchs zu reparieren, sagen Mama und Papa einfach: „Ach, was soll’s! Hier hast du ein neues! Wenn du möchtest, kannst du ja gleich anfangen, dieses auch zu zerstören. Gibt ja noch ein paar davon…“

Klimaschutz bedeutet schmerzhafte Veränderungen

Natürlich frage ich mich, warum sich viele Menschen von der Schwedin mit den geflochtenen Zöpfen so angegriffen fühlen. Meinen Vermutung:

Klimaschutz bedeutet Veränderungen. Veränderungen, die in diesem Fall (verdammt) weh tun und mitunter teuer sind. Und da es weiße, heterosexuelle Männer – die, die sich am meisten aufregen und über den Klimawandel lustig machen – nicht gewohnt sind, ihr Verhalten anzupassen, gehen sie in die Offensive und motzen rum. Mit Aufklebern auf ihren SUVs, mit geteilten Fakenews bei Facebook und Tweets, die nicht nur unter die Gürtellinie gehen, sondern in meinen Augen als Kericht der Menschheit bezeichnet werden können. Hinzu kommt außerdem, dass sie es nicht gewohnt sind, von einem jungen Menschen – ja, sogar einer jungen FRAU – auf ihr Fehlverhalten hingewiesen zu werden. Das sorgt für ungute Gefühle und weckt in vielen den Urinstinkt, sich zur Wehr zu setzen – und seien die Waffen auch noch so primitiv.

Mein eigenes Verhalten kritisch hinterfragen

Um an dieser Stelle jedoch nicht nur mir dem Finger auf andere zu zeigen – das ist ja bekanntlich am einfachsten – möchte ich auch mein Konsumverhalten einmal kritisch beleuchten. Fakt ist nämlich: Ich selbst tue mich momentan auch elendig schwer mit den Veränderungen, die so dringend nötig sind. Mein aktuell größtes Problem ist mein Fleischverzehr. (Was der Klimawandel mit dem Verzehr von tierischen Produkten zu tun hat, kannst du unter anderem in diesem Beitrag nachlesen.)

Im letzten Jahr habe ich mich entschieden, vegetarisch zu leben. Dieser Wandel in meinem Essverhalten hat erstaunlich gut geklappt, ist aber auch auf viel Irritation in meinem Umfeld gestoßen (man stelle sich mal eine Thüringerin vor, die keine Bratwurst isst…). Ich fühlte mich trotzdem gut und bin irgendwann tatsächlich in einem Alltag angekommen, in dem es völlig normal war, auf Fleisch zu verzichten.

Als ich dann erfuhr, dass ich schwanger bin, habe ich jedoch augenblicklich wieder damit begonnen, Fleisch zu essen – weil „mein Körper mir sagte, dass er es braucht“, so habe ich argumentiert. Rückblickend gebe ich zu: Ich habe es mir einfach leicht gemacht und das erlösende Schlupfloch genutzt, das sich mir anbot. Auch jetzt esse ich noch täglich Fleisch und begründe es inzwischen damit, dass ich mein Kind voll stille und mit allem versorgen möchte, was es braucht. Dabei bin ich fest davon überzeugt, dass auch eine vegetarisch lebende Mutter und vielleicht sogar eine vegane das kann.

Doch anstatt dem Fleischkonsum wieder abzudanken (uff!), wähle ich (wie so viele andere) den Weg des geringsten Widerstands und fühle mich augenblicklich besser, wenn ich die Reste vom letzten Abendessen mit einem Bienenwachstuch statt mit Alufolie abdecke. Greenwashing des eigenen Lebenstils sozusagen.

Wir müssen aufhören, egoistisch zu sein

Ich bin mir dieser Problematik bewusst und ärgere mich sehr darüber. Denn ich finde mich, immer wenn ich den Weg des geringsten Widerstandes gehe, selbst ziemlich egoistisch. Damit bin ich kaum besser als all die Kritiker, die gerade Greta Thunberg, ihre Bewegung und überhaupt jeden, der laut über Klimaschutz nachdenkt, in der Luft zerreißen.

Ja, wir sind nicht direkt von den Folgen des Klimawandels betroffen. Aber unsere Kinder und Enkelkinder sehr wohl. Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann könnte der Meeresspiegel bis 2100 um rund einen Meter ansteigen. Klingt irgendwie abstrakt und ziemlich weit weg?

Nun, meine Tochter ist dann 81 Jahre alt. Ich denke sehr wohl, dass sie das noch erleben wird und fühle mich deswegen verpflichtet, alles in meiner Macht stehende zu tun, um die Folgen zu minimieren. Allein schon, um ihr eines Tages zu versichern, dass ich von den Gefahren wusste und versucht habe, sie davor zu beschützen.

Es ist genau dieser Umstand, der in mir so großes Unverständnis (und eben auch Angst) auslöst. Der mich jedes Mal wieder mit dem Kopf schütteln lässt, wenn jemand aus meinem Bekanntenkreis, der selbst Kinder hat, auf Facebook über E-Autos, eventuelle Co2-Steuern oder Windkraft wettert. Ja, die optimale Lösung wurde noch nicht gefunden – und vielleicht dauert es noch einige Jahre, bis wirkliche Alternativen geschaffen wurden.

Aber heißt das automatisch, dass wir einfach so weitermachen sollten wie bisher? Den Weg des geringsten Widerstandes wählen und uns über eine Schwedin mit geflochtenen Zöpfen lustig machen anstatt unser eigenes Tun einmal kritisch zu hinterfragen?

In ein paar Wochen sind in Thüringen Landtagswahlen – und ich bin sehr gespannt, welche Stimmung diese widerspiegeln werden.